Jordanien ist Österreichs erster WM-Gegner — am 17. Juni um 06:00 Uhr MESZ in Santa Clara — und der einzige, gegen den der ÖFB noch nie gespielt hat. Der WM-Debütant gilt als Pflichtsieg. Genau deshalb verdient er die genaueste Analyse: Wer Jordanien nur als Nummer 63 der Welt liest, übersieht ein Team, das in zwei Jahren zwei große Finali erreicht hat.
Vom Asien-Cup-Finale zur ersten WM
Jordaniens Aufstieg ist jung. Erst 2023 übernahm der Marokkaner Hussein Ammouta — und führte das Team Anfang 2024 sensationell ins Finale des Asien-Cups, mit Siegen über den Irak, Tadschikistan und Südkorea, ehe Gastgeber Katar im Endspiel mit 3:1 zu stark war. Als Ammouta im Sommer 2024 aus familiären Gründen ging, übernahm sein Landsmann Jamal Sellami — und vollendete im Juni 2025 die erste WM-Qualifikation der Verbandsgeschichte. Im Dezember 2025 folgte das nächste Finale, diesmal beim FIFA Arab Cup: erst in der Verlängerung verlor Jordanien 2:3 gegen Marokko. König Abdullah II. verlieh Sellami danach die jordanische Staatsbürgerschaft.
Der Quali-Weg zeigt das Muster: ein zäher Start in der dritten Runde (drei Remis, Heimniederlage gegen Südkorea), dann Stabilisierung — und am vorletzten Spieltag das 3:0 im Oman, mit dem die Qualifikation perfekt war. Alle drei Tore an diesem Abend erzielte Ali Olwan.
System: Tiefblock, direkter Weg, Standards
Sellami nennt offen das Marokko-Modell von 2022 als Vorbild. Die Grundordnung ist meist ein 4-2-3-1, gegen stärkere Gegner ein 4-4-2 oder 5-4-1 in tiefen Phasen — im Arab-Cup-Finale verteidigte Jordanien über weite Strecken mit zwei Viererketten. Hohe Positionstreue, geschlossene Halbräume, Außenverteidiger, die selten aufrücken.
Mit Ball geht es direkt nach vorne, fast nie über lange Aufbauphasen. Rechts ist der häufig abkippende Al-Taamari der Fixpunkt, links wechselt die Besetzung. Und dann sind da die Standards: Viele jordanische Tore der letzten zwei Jahre entstanden nach Ecken und Freistößen — Al-Taamari schießt, die kopfballstarken Innenverteidiger Yazan Al-Arab und Abdallah Nasib sind die Zielspieler.
Die Kreuzband-Krise: Jordaniens Offensive ist ein Torso
In der Qualifikation kamen 24 von 31 jordanischen Toren von nur drei Spielern: Olwan (9), Yazan Al-Naimat (8) und Al-Taamari (7). Diese Abhängigkeit ist jetzt das Problem.
Al-Naimat — mit 26 Toren in 70 Länderspielen drittbester aktiver Torschütze des Landes — riss sich im Arab-Cup-Viertelfinale das Kreuzband. Adham Al-Quraishi erwischte es im Finale gegen Marokko, ebenfalls Kreuzbandriss. Und Olwan, Torschützenkönig des Arab Cup, fiel im Februar mit Bänderriss im Sprunggelenk monatelang aus. Immerhin: Beim jüngsten Testspiel stand er wieder in der Startelf — bei einer 1:4-Niederlage gegen die Schweiz, die zeigte, wo Jordaniens Limit gegen europäische Intensität aktuell liegt.
Schlüsselspieler: Al-Taamari — und dann lange nichts
Musa Al-Taamari (28, Stade Rennes) ist der einzige Jordanier auf dauerhaft hohem europäischem Niveau und der Spieler, auf den fast jede Offensivaktion zugeschnitten ist. Tempo, Dribbling, Durchbrüche unter Druck — beim Asien-Cup schaltete er im Halbfinale gegen Südkorea ein 2:0 fast im Alleingang (Tor + Vorlage). Der Spitzname "jordanischer Messi" ist Marketing, aber nicht ohne Grundlage.
Dahinter: Doppelsechs Nizar Al-Rashdan und Noor Al-Rawabdeh als Stabilisatoren, Keeper Yazeed Abulaila, der alle 16 Quali-Spiele bestritt, und die robuste, aber langsame Innenverteidigung Al-Arab/Nasib. Auffällig: Fast der gesamte Kader spielt in Jordanien, Katar, Saudi-Arabien oder im Irak — die Erfahrung mit europäischem Tempo ist dünn.
Was das für Österreich heißt
Drei Dinge sind aus ÖFB-Sicht entscheidend:
1. Es gibt kaum Pressingauslöser. Jordanien baut nicht auf — es schlägt den Ball nach vorne. Rangnicks Pressing-Maschine läuft gegen ein Team, das ihr den Treibstoff entzieht. Das Spiel wird im Ballbesitz entschieden, nicht im Gegenpressing. Genau hier fehlt der verletzte Christoph Baumgartner am meisten.
2. Die Innenverteidigung ist langsam. Al-Arab und Nasib sind kopfballstark, aber nicht schnell — deshalb steht die Kette tief. Tiefenläufe und Tempo-Dribblings (Wanner, Chukwuemeka) sind das Mittel, nicht hohe Flanken auf kopfballstarke Gegner.
3. Standards in beide Richtungen. Jordaniens realistischster Weg zum Tor gegen Österreich ist ein Eckball. Wer das Spiel kontrolliert, aber bei Standards schläft, lädt den Außenseiter ein.
Die Einordnung ist klar: Jordanien ist gegen alle drei Gruppengegner Außenseiter, ein Punktgewinn gegen Österreich oder Algerien wäre aus jordanischer Sicht bereits ein Erfolg. Für Österreich gilt das Gegenteil — alles andere als drei Punkte macht die Gruppen-Rechnung brutal.
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Wann spielt Österreich gegen Jordanien?
Mittwoch, 17. Juni 2026, 06:00 Uhr MESZ — Levi's Stadium, Santa Clara (Anpfiff Dienstagabend Ortszeit).
Wie spielt Jordanien bei der WM 2026?
Tiefes 4-2-3-1, das gegen den Ball zum 5-4-1 wird: kompakt, direkt nach vorne, gefährlich bei Standards. Vorbild ist Marokkos WM-Lauf von 2022.
Wer ist Jordaniens wichtigster Spieler?
Musa Al-Taamari (Stade Rennes). Nach den Kreuzbandrissen von Al-Naimat und Al-Quraishi und Olwans Sprunggelenksverletzung hängt fast die gesamte Offensive an ihm.
Hat Jordanien schon einmal bei einer WM gespielt?
Nein, die WM 2026 ist die erste Endrunden-Teilnahme der Verbandsgeschichte. 2014 scheiterte Jordanien noch im interkontinentalen Playoff an Uruguay.
Quellen
- abseits.at: Teamanalyse WM 2026 Jordanien
- Sky Sports: World Cup 2026 Group J guide
- Olympics.com: Jordan squad World Cup 2026
- Wikipedia: 2026 FIFA World Cup Group J
Stand: 4. Juni 2026
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